„Meine Erfahrungen mit Flüchtlingen im Berufsalltag als Sozialarbeiterin und Flüchtlingshelferin in einem Essener Übergangswohnheim“

Ein Blick hinter die Kulissen: Im Dialog mit zwei Mitarbeiterinnen in der Flüchtlingshilfe des Caritasverbandes für die Stadt Essen e.V., beide tätig in einem Übergangswohnheim speziell für junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren. In Anlehnung an den Artikel „Extrem fordernd, unzuverlässig und aufdringlich“ der Tageszeitung „Die Welt“ vom 17.01.2016.

Mit welchen Gedanken, Gefühlen und Erwartungen haben Sie Ihre Tätigkeit im Flüchtlingsbereich aufgenommen? Gab es vorab in irgendeiner Weise Bedenken oder Vorbehalte bzgl. der bevorstehenden Tätigkeiten und der Zielgruppe? Wenn ja, in welcher Art und Weise wurden diese bestätigt/widerlegt?

Flüchtlingsberaterin (25 Jahre): Als Berufseinsteiger direkt vom Studium zu einer Tätigkeit in der Caritas-Flüchtlingsberatung: Mit Vorfreude und vielen Erwartungen habe ich im Februar 2015 meine Stelle angetreten. Sorge hatte ich zuvor eigentlich nur bezüglich möglicher sprachlicher Barrieren, was sich dank guter Vernetzung, sowohl der Flüchtlinge untereinander als auch der uns zur Verfügung gestellten Sprachmittler, schnell als unbegründet herausgestellt hat. Mit Geduld, englischen Grundkenntnissen und Gestik und Mimik lässt sich sogar vieles ohne Sprachmittler klären.

Einrichtungsbetreuerin (39 Jahre): Da ich selbst Migrationshintergrund habe und seit vielen Jahren als Sprach- und Integrationsmittlerin für die Stadt Essen beschäftigt bin, hatte ich vor Tätigkeitsbeginn in dem Wohnheim für männliche Flüchtlinge im Alter von 18 bis 30 Jahren bereits eine grobe Vorstellung davon, wie die Arbeit vor Ort aussehen könnte. Auf Grund der etwas anderen Zielgruppe – nur Männer aus anderen Kulturkreisen – hatte ich als weibliche Aufsichtsperson und Betreuerin vorab leichte Bedenken, die sich aber als völlig unbegründet herausstellten. Wir bemühen uns, unsere Bewohner zu verstehen, und sie bemühen sich uns ihre Probleme zu schildern, was in der Regel auch funktioniert. Für unüberwindbare sprachliche Hürden haben wir einen arabisch sprechenden Kollegen, der an dieser Stelle unterstützt.

Wie war der Eindruck nach den ersten Tagen im neuen Arbeitsumfeld? Deckten sich eingangs bestehende Erwartungen mit der Realität vor Ort in den Unterkünften?

F.: Der Bereich der Flüchtlingshilfe ist in kürzester Zeit unfassbar schnell gewachsen und hat an großer Bedeutung gewonnen. Im ersten Monat hatte ich nur eine einzige Kollegin, musste mich schnell in die Thematik einfinden und eigenständig arbeiten. Der Bereich ist rasant gewachsen, und mit sechs Monaten Arbeitserfahrung gehörte ich im Sommer schon zu den „alten Hasen“. In meinem Berufsalltag habe ich festgestellt, dass die gelernte Theorie häufig nicht zur Berufspraxis passt. Es ist soziale Arbeit auf allen Ebenen gefragt: Unser Ziel, die Flüchtlinge bei der Integration zu unterstützen und auf eine Zukunftsperspektive in Deutschland hinzuarbeiten, steht nicht selten in Spannung zum Asylgesetz. Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mir die Arbeit viel gibt – trotz der Überlastung, die sich in allen Bereichen der Flüchtlingsarbeit zeigt und auch an mir nicht ganz unbemerkt vorbeizieht – ich werde gebraucht, meine Arbeit wird geschätzt, und die Dankbarkeit der Menschen ist unendlich.

E: In meinen ersten Arbeitstagen hatte ich die Möglichkeit zu hospitieren und mir alle durch die Caritas betreuten Übergangswohnheime anzuschauen. So konnte ich mir einiges bei den Kollegen abschauen und sie bereits vor Ort unterstützen. Auf diese Erfahrungen als Einrichtungsbetreuerin konnte ich dann später im eigenen Heim zurückgreifen. Meine Vorstellungen und Erwartungen haben sich voll und ganz bestätigt. Wir sind da, um den Menschen zu helfen in der neuen, deutschen Realität zurechtzukommen, und unterstützen sie genau dort, wo sie die Hilfe benötigen. Als Gegenleistung bekommen wir Dankbarkeit und ein ehrliches Lächeln, was unsere Arbeit leichter und sinnvoller macht.

Wie sehen der Alltag in der Flüchtlingsunterkunft und die konkrete Arbeit mit den Flüchtlingen aus? Wie läuft zum Beispiel eine Sprechstunde ab? Welche Fragen, Wünsche, Forderungen stellen die Bewohnerinnen und Bewohner?

F.: Die Arbeit hier im Ausbildungszentrum der Bauindustrie unterscheidet sich in einigen Punkten zu der Arbeit in einem „klassischen“ Übergangswohnheim. Die bei uns untergebrachten männlichen Flüchtlinge nehmen alle an einer Maßnahme teil, gehen jeden Tag zu einem Deutschkurs und essen zu festen Zeiten. Dadurch bekommen sie direkt eine feste Tagesstruktur vermittelt und lernen als „Klasse“ in einer Gemeinschaft zu leben. Viele sind nach einigen Monaten der Flucht und anschließendem Aufenthalt in Flüchtlingscamps damit überfordert und benötigen diesbezüglich Unterstützung. Die Sprechstunde ist immer gut besucht – Deutschland ist ein bürokratisches Land und der Umgang mit Ämtern und Behörden ist immer Thema. Die Beratung diesbezüglich gehört zu meinen Hauptaufgaben. Dazu kommt die Begleitung während des gesamten Asylverfahrens. Es herrschen mittlerweile unfassbar lange Wartezeiten beim Bundesamt, selbst für die Asylantragstellung. Auch die Sorge um Familienangehörige in den Heimatländern oder Angehörige, die in anderen Städten untergebracht sind, ist immer wieder Thema in der Sprechstunde. All‘ diese Dinge stimmen die Flüchtlinge unruhig, sie sind frustriert und haben viel Rede- und Beratungsbedarf. Anforderungen und Wünsche unter den Flüchtlingen sind eigentlich immer gleich: Familiennachzug, Deutsch lernen, ein Zuhause und Arbeit.

E.: Mit dem Ziel unserer Einrichtung, den Flüchtlingen zu ermöglichen neben der deutschen Sprache auch einen Beruf in der Bauindustrie zu erlernen, unterscheidet sich der Alltag der Flüchtlinge bei uns in vielen Dingen von dem Alltag derer in regulären Übergangswohnheimen. Es erfordert Disziplin und Engagement, die strengen Regeln in der Schule und im Wohnheim zu verstehen und zu befolgen – für viele unserer Bewohner ist das nicht selbstverständlich und keineswegs einfach. Meine Aufgabe sehe ich darin, die jungen Männer bei den alltäglichen Problemen und Schwierigkeiten zu unterstützen, um deren Weg in die Integration und in ein Leben in Deutschland zu ebnen. Auch bei Arztterminen und Behördengängen stehe ich unterstützend zur Seite. Diese Hilfe nehmen unsere Bewohner sehr gerne und dankbar an. Als Ausgleich zur schulischen Anstrengung bieten wir verschiedene Freizeitangebote an und gestalten gelegentlich die Nachmittage gemeinsam, so zum Beispiel mit Spiel- oder Kinonachmittagen. In unserer wöchentlichen Bewohnerversammlung haben die Männer die Möglichkeit, eigene Wünsche und Anregungen zu platzieren. Grundsätzlich sind wir täglich fünf Tage in der Woche von 7 bis 17 Uhr für sie da.

Wurde in der Unterkunft durch einen Flüchtling schon einmal die Stimme gegen Sie erhoben? Gab es Aggressionsausbrüche, Gewaltandrohungen, Anfeindungen oder ähnliches?

F: Die langen Wartezeiten lassen viele verzweifeln. Gezeichnet von Flucht, Sehnsucht und Sorge um die Familie im Heimatland, sind die meisten frustriert und gestresst. Dennoch habe ich nie die Erfahrung gemacht, dass diese Wut gegen mich gerichtet wurde. Die Menschen merken, dass ich für sie und mit ihnen arbeite, und sind dankbar. Ich gebe ihnen in meiner Sprechstunde dennoch Raum ihrem Frust Luft zu machen.

E.: Dass die neue Lebenssituation, in denen sich unsere Bewohner befinden, nicht einfach ist, ist nachzuvollziehen. Meine Kollegen und ich bemühen uns, den jungen Menschen klarzumachen, dass wir für sie da sind und dass alles, was wir tun, für sie ist. Ich bin sicher, dass diese Botschaft ankommt – das zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass sich die Bewohner in jeder schwierigen Situation vertrauensvoll an uns wenden. Ich habe in keiner Weise die Erfahrung gemacht, dass einer von unseren Bewohnern gewalttätig oder bedrohlich gegenüber meiner Person geworden wäre. Da wir mit den Bewohnern viel Zeit verbringen und uns mittlerweile schon ziemlich gut kennen, spüren wir schnell, wenn bei einem von ihnen die Stimmung zu kippen droht – und versuchen dann, die Situation zu deeskalieren. Meist ist das persönliche Gespräch der beste und schnellste Weg in diesem Zusammenhang.

Werden von den männlichen Flüchtlingen Unterschiede gemacht im Umgang mit Männern und Frauen? Wenn ja, welche Unterschiede gibt es?

F.: Ich arbeite als Frau in einem Wohnheim, in dem nur Männer leben – größtenteils aus dem arabischen Raum, viele in meinem Alter. Bisher trat man mir immer mit großem Respekt entgegen, und meine Hilfe wurde stets dankbar angenommen. Ich habe das Gefühl, als Autoritätsperson akzeptiert zu werden. In Bezug auf meine Tätigkeit habe ich nie die Herkunft oder die arabische Kultur als Problem gesehen. Meine Bedenken galten eher der Tatsache, dass ich zur gleichen Altersgruppe gehöre. Aber selbst diese Sorge war unbegründet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass recht schnell eine Vertrauensbasis da ist, sobald man gemeinsam die ersten Schritte gemacht hat. Alter und Geschlecht sind dann nicht mehr so bedeutend. In unserem Team haben wir nur einen männlichen Einrichtungsbetreuer. Dieser wird sehr häufig von den Bewohnern in Anspruch genommen, allerdings nicht auf Grund seines Geschlechts, sondern allein aus dem Grund, dass er der arabischen Sprache mächtig und in Übersetzungen sehr hilfreich ist.

E.: Seit ich hier im Übergangswohnheim mit den jungen Männern zusammenarbeite, habe ich noch nie das Gefühl gehabt, unsere Bewohner würden unseren männlichen Kollegen bevorzugen. In schwierigen Situationen wird er zwar verstärkt zu Rate gezogen, was aber an der der sprachlichen Kompetenz liegt, die unser irakischer Kollege mitbringt. Im Gegenteil – aus meiner Sicht wenden sich unsere Bewohner sogar bevorzugt an die weiblichen Mitarbeiter, wenn es um Arzttermine oder Behördengänge geht. Da ich die älteste der Mitarbeiterinnen in unserem Wohnheim bin, wird mir häufig die Rolle der Mutter zugeschrieben und manchmal sagen die Bewohner aus Spaß: „Du bist für uns wie Mama.“ Insgesamt kann ich nicht feststellen, dass die Bewohner bei uns Unterschiede im Umgang mit Männern und Frauen machen.

Wie sieht es mit Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf ein Leben innerhalb eines europäischen und deutschen Kulturkreises bei den Flüchtlingen aus, mit denen Sie tagtäglich zu tun haben?

F.: Die Regeln im Ausbildungszentrum sind sehr streng – es wird ein hohes Maß an Disziplin erwartet. Die Probleme in Bezug auf die angesprochenen Punkte unterscheiden sich nur unerheblich von den Problemen deutscher junger Männer, die an einer solchen Maßnahme zur Integration in den Arbeitsmarkt teilnehmen. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass die Flüchtlinge froh sind, wieder Verantwortung übertragen zu bekommen. In einer Gemeinschaft mit über dreißig jungen Männern verschiedener Kulturen kommt es natürlich auch zu Konflikten. Der einzige große Unterschied zum deutschen Kulturkreis ist vielleicht die arabische Pünktlichkeit. Ansonsten lässt sich dies nicht auf die Flüchtlinge als Gruppe verallgemeinern.

E.: Das frühe Aufstehen und das pünktliche Erscheinen zum Unterricht sind Dinge, die nicht für alle Bewohner zu bewältigen sind. Viele tun sich sehr schwer mit der neuen Tagesstruktur. Das würde ich aber nicht auf die Herkunft oder den anderen Kulturkreis beziehen, sondern auf das typisch altersgemäße Verhalten, das ich bei deutschen jungen Männern ebenso beobachten kann.

Welche kulturellen Unterschiede sind Ihnen im täglichen Arbeitsalltag mit den Flüchtlingen insbesondere aufgefallen?

F.: Ich bin insbesondere von dem Ehrgeiz vieler Bewohner positiv überrascht. Viele opfern ihre Freizeit, um neben dem regulären Deutschkurs noch Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Und die Dankbarkeit dieser Menschen ist herausragend – für die selbstverständlichsten Teile meiner Arbeit.

E.: Wenn es um Unterschiede geht, sehe ich nur wenige im Vergleich zu den deutschen Männern in diesem Alter. Besonders auffällig sind die Essensgewohnheiten: Die orientalische Küche unterscheidet sich schon deutlich von der deutschen. Pünktlichkeit ist auch ein Thema, aber die Bewohner bemühen sich sehr, das deutsche Empfinden für Pünktlichkeit zu verinnerlichen und die Erwartungen diesbezüglich zu erfüllen.

Interview: Verena Tenhaven


Caritasverband